Dienstag, 1. Mai 2018

Asperger Autismus hat viele Gesichter


Asperger-Autisten haben eine eigene Welt und eine ganz andere Sicht der Dinge. 
(c) Can Stock Photo / Bialasiewicz 
Es ist schon fast ein Jahr her, dass ich mich intensiv mit dem Thema Asperger befasst habe. Eine liebe Freundin, die ich schon lange kenne und aus den Augen verloren hatte, ist mir in diesem Zusammenhang wieder begegnet. Es war schwer Betroffene für ein Interview zu gewinnen. Andrea Schmitt hat einen Sohn, der dieses Handicap hat. Sie war bereit, in die Öffentlichkeit zu gehen, um auf diese Art der Behinderung aufmerksam zu machen, die gar nicht so selten ist.

Eine Odyssee bis zur klaren Diagnose

Das Verständnis der Umwelt für Menschen mit Asperger ist gering bis gar nicht vorhanden. Der Grund: Die Behinderung ist ihnen nicht anzusehen, aber ihr Verhalten unterscheidet sich von dem der Mehrheit. Der zwölfjährige Simon aus Elsenfeld erscheint auf den ersten Blick als aufgeweckter und fröhlicher Junge. Dennoch, er ist behindert, denn er ist ein Asperger Autist. Wer seine Behinderung annimmt und auf ihn eingeht, kommt blendend mit ihm aus. Wer kein Verständnis hat und nicht erkennt, wie Simon tickt, wird Probleme haben. Verhaltensmuster, die der Norm entsprechen, laufen bei dem Zwölfjährigen ins Leere.

Oft durchlaufen Betroffene eine Odyssee, bevor die Diagnose klar ist. In vielen Fällen wird eine Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert. Die Symptome von ADHS sind bisweilen auch eine Begleiterscheinung des Asperger-Syndroms, aber nicht immer. Es gibt unterschiedliche Ausprägungen, mal mit leicht autistischen Zügen, mal mit starker Ausprägung.

Simons Jugend ist zugleich auch sein Vorteil, denn er hat bereits als Kleinkind die Förderung erhalten, die älteren Asperger-Autisten nicht zuteil wurde. Die Diagnose war auch schon frühzeitig klar. In den letzten Jahren hat sich viel verändert. Die Fördermöglichkeiten sind im Rahmen der Inklusion besser geworden, wenn auch noch lange nicht optimal, wie Andrea Schmitt, Simons Mutter, meint. Simon besucht derzeit die sechste Klasse der Realschule in Elsenfeld und hat eine Schulbegleiterin zur individuellen Betreuung während des Unterrichts.

Mutter und Sohn verstehen sich gut. Andrea Schmitt weiß,
wie sie mit Simons Behinderung umgehen muss.

Asperger Inselbegabungen

Die Menschen, die sich auf Simon einlassen, sind seine Freunde, von denen er sich auch berühren und umarmen lässt. Er legt großen Wert auf Sauberkeit und Hygiene, Geräusche machen ihn nervös, wenn er sie nicht zuordnen kann. Er kontrolliert zu Hause die Lebensmittel und möchte sie am liebsten schon vor dem Ablaufdatum entsorgen. Wenn ihn etwas interessiert, dann ist er voll und ganz bei der Sache, zum Beispiel liebt er Englisch als Schulfach und ist entflammt fürs Prozentrechnen, bei dem er als As brilliert.

Seine Formulierungen in Kommentaren zu bestimmten Ereignissen bringen seine Mutter und andere Menschen immer wieder zum Lachen. Als er morgens beim Frühstück das Ei vermisste, sagte er enttäuscht: »Mama, Frühstück ohne Ei ist wie eine Lampe ohne Licht und ein Haus ohne Bausteine«. Simon liebt Jahrmärkte und Vergnügungsparks, vor allen Dingen die Fahrgeschäfte. Daraus ergibt sich auch einer seiner Berufswünsche. Er möchte Konstrukteur für Fahrgeschäfte werden. Die Alternativen sind Spieleprogrammierer und Kassierer. Als begeisterter Bayern-München-Fan hat er sich dann noch Profi-Fußballer als Berufswunsch ausgewählt.

Weitere Informationen und Tipps für Betroffene in der Region gibt es unter der Internet-Adresse www.aspergereltern-untermain.de und beim Jugendamt im Landratsamt Miltenberg, Andrea Schäfer, Dipl.-Sozialpädagogin (FH), E-Mail: andrea.schaefer@lra-mil.de.

Was ist Asperger-Autismus? - Eine Zusammenfassung

Das Asperger-Syndrom ist eine Form des Autismus und eine neurologische Besonderheit. Diese Behinderung beeinflusst die Art und Weise, wie Menschen Reize verarbeiten und mit anderen interagieren. Autismus wird oft als »Spektrum« beschrieben, weil er mal stark autistisch ausgeprägt ist und mal nur ein bisschen. Die Übergänge sind fließend. Das Asperger-Syndrom ist eine Behinderung, die von der äußeren Erscheinung her meist nicht sichtbar ist. Menschen mit Asperger-Syndrom haben Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation, Interaktion und kein soziales Verständnis sowie eine andere Wahrnehmungsverarbeitung als Nichtbetroffene. Sie konzentrieren sich auf Spezialinteressen und haben ein Bedürfnis nach Beständigkeit.
Allerdings verfügen Asperger-Autisten im Gegensatz zu »klassischen« Autisten über einen oft sehr groß Wortschatz, und sie können sich grammatikalisch korrekt und oft auch sehr komplex ausdrücken.


Finanzielle Hilfe für Eltern von Asperger-Autisten

In einer Stellungnahme des Jugendamtes im Landratsamt Miltenberg heißt es: »Asperger Autismus ist als tiefgreifende Entwicklungsstörung dem Bereich der seelischen Behinderungen zuzuordnen. Oftmals weisen Kinder mit Asperger Autismus eine gestörte soziale Interaktion und stereotype Verhaltensmuster auf, wodurch vor allem die Teilhabe an der schulischen Entwicklung beeinträchtigt sein kann. In solchen Fällen kann durch das Jugendamt nach vorheriger eingehender Beratung und Prüfung der Voraussetzungen Eingliederungshilfe nach § 35 a SGB VIII in Form von Schulbegleitung gewährt werden. Sollten ambulante Hilfen nicht ausreichend sein, gibt es auch die Möglichkeit einer stationären Eingliederungshilfe.«

Simons flotte Sprüche

Andrea Schmitt hat einige von Simons Kommentaren gesammelt. Seine Sprüche sind klug und witzig.

Mama, Hände waschen ohne Seife ist wie eine Banane ohne Inneres oder ein Wassereis ohne Wasser.

Mama, die Unterhose sitzt recht knapp.
Hast Du die im Erotikladen für Kids gekauft?

Mama, für dieses Brötchen braucht man eine Kaukraft, als hätte man Zähne an einer hydraulische Presse angebracht!

Mama, ich möchte kein Brötchen zum Frühstück.
Dann habe ich kein Früh-Gefühl.
Lieber Toast.

Simon hat starke Halsschmerzen:
Mama, das Schlucken ist beschwerlich und die Mandeln fühlen sich an als hätte man sie durch Nüsse ersetzt! 

Mama, mein neuer Sportlehrer ist recht angenehm.
Er hat aber einen ziemlich schmalen Schädel.
Daran muss ich mich noch gewöhnen, in meiner Verwandtschaft gibt es nur Dickköpfe!

Simon war mit Papa auf der Canstatter Wasen.
Mama, ich brauche SOFORT Wechselkleidung.
Der Boden auf dem Fest war so was von unhygienisch und wegen der Schwerkraft konnte ich ja nicht über den Boden schweben!!

Simon, ich räume den Ventilator jetzt weg.
Simon: Lass' ihn lieber da, wir haben doch eine globale Erderwärmung!

Simon beim Gespräch mit dem MSD (mobiler sonderpädagogischer Dienst) auf die Frage, ob er schon in sein Hausaufgabenheft geschaut habe:
Dafür ist meine Erziehungsberechtigte zuständig!

Mama, manche Frauen sind so stark geschminkt, da erlangt man kaum Kenntnis vom ursprünglichen Gesicht. 
DICH erkenne ich wenigstens jederzeit! 

Mama, die Pubertät beginnt.
Ich werde vom Kind zum Manne. 
Es entwickeln sich Pickel.
Aber solange sich die anderen Dinge auch entwickeln, kann ich durchaus zufrieden sein!

Stilblüte - der Autor ist Simon:
Mama, ich möchte kein Fleisch mehr, ich will lieber vegetieren!

Abendessen.
Simon hat mehr Essen am Körper als im Magen.
Sein Kommentar: Das war ich nicht, das war mein Pech!"